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Gepostet by on Okt 11, 2016 in Allgemeine Themen, Wissenswertes | 2 Kommentare

Zweiter Teil von Blindheit ist…

Zweiter Teil von Blindheit ist…

Heute folgt Teil 2 von: Blindheit ist… Wie gesagt, ein komplexes Thema, dennoch werde ich versuchen dir an konkreten Beispielen deutlich zu machen wie sich Blindheit für mich anfühlt beziehungsweise wie du dir Blindheit vorstellen kannst.

Blindheit ist wie: Wenn man Höhenangst hat, aber trotzdem jeden Tag einen Hochseilgarten überwinden soll!

Leidest du an Höhenangst, Platzangst oder ähnlichen Ängsten? Dann hast du bestimmt eine Strategie entwickelt damit umzugehen. Ähnlich wie ein Kletterer der nicht nach unten blicken sollte, versuche ich auszuklammern das Gefahren auf mich lauern. Damit meine ich: Dinge die im Weg stehen, Stufen mit denen ich nicht rechne oder Gruben in die ich fallen könnte.

Gut, vor den meisten Bedrohungen schützt mich der Blindenstock. Sollten Gegenstände oberhalb der Brust in den Weg ragen, hilft auch der beste Stock und die beste Stocktechnik nichts. Die Gefahren sind vielfältig, doch wenn ich mir darüber zu viele Gedanken mache, droht schnell Panik. Glücklicherweise bin ich mit einem aufmerksamen Schutzengel ausgestattet. Einem Schutzengel wie man ihn Kindern nachsagt und deshalb bin ich bisher meist mit kleineren Prellungen und Schrammen davongekommen. 😉

Blindheit ist wie: Wenn Begegnungen immer über ein Telefon stattfinden!

Sicher kennst du diese Situation: Man telefoniert mit einer fremden Person und macht sich automatisch ein Bild von seinem Gesprächspartner. Dieses Bild hat mit der Realität meist wenig zu tun. So ergeht es mir bei jeder neuen Begegnung. Ist eigentlich nicht schlimm, doch die Schwierigkeit: Ähnlich wie beim Telefonieren, es fehlt die Mimik und Gestik der Person. Eben die Dinge, die helfen dein Gegenüber besser einschätzen und Situationen richtig zuordnen zu können. Im Gegensatz zu mir, kann mein Gegenüber mich und meine Reaktionen ganz genau beobachten und einschätzen, was mir oft unangenehm ist. Mit anderen Worten: Ein Austausch auf Augenhöhe kann nicht wirklich stattfinden!

Blindheit ist manchmal wie: ein Film mit Untertitel, nur umgekehrt, alles was ich akustisch nicht wahrnehmen kann, muss mir erklärt werden!

Der Vergleich mag zwar ein wenig hinken, doch die Richtung, denke ich, stimmt. Solltest du mal einen Stummfilm oder einen fremdsprachigen Film ohne Untertitel ansehen, verstehst du was ich meine. Du siehst zwar was passiert, doch die tieferen Hintergründe gehen trotzdem verloren. Du hast also nur den halben Spaß. Das ist genau der Punkt. Mir fehlen im Alltag die Atmosphäre, das Licht und der Schatten! 😉

Mit der Blindheit fühlt man sich manchmal wie ein Analphabet!

Klar, ich habe die Punktschrift gelernt, kann sie lesen und auch mit dieser schreiben. Nützlich ist mir dies allerdings nur bei eigenen Notizen oder im Austausch mit anderen Punktschriftlesern. Sehende können mit diesen Aufzeichnungen nichts anfangen.

Der umgekehrte Fall: Ich bekomme Post oder sonstige Schriftstücke in die Hand und brauche, ähnlich wie ein Analphabet, die Hilfe von Sehenden oder eben technische Übersetzungshilfsmittel. Für mich frustrierend, weil weder das eine noch das andere immer zur Verfügung steht.

Blindheit ist wie: Wohnen auf dem Land, als Single, ohne Familie in der Nähe, ohne Auto und der Bus in die Stadt fährt auch nur dreimal am Tag!

Für jemanden, der aus der Stadt kommt, wo es an jeder größeren Straße eine Bushalte- oder Straßenbahnhaltestelle gibt wird dieser Vergleich vielleicht ein wenig unglaubwürdig klingen. Doch ich weiß, es gibt genug Menschen die in genauso einer Situation stecken!

Wie diese Menschen muss auch ich beim Thema Mobilität immer alles vorab organisieren, sprich Sehende bitten mich an einen bestimmten Ort zu bringen. Spontanität sieht anders aus und die Abhängigkeit ist sehr unangenehm.

Blindheit ist wie: Wenn ältere Menschen gerade mal so mit dem Tasten-Handy klar kommen und plötzlich ein Smartphone in Händen halten!

Vielleicht kommt dir dieses Beispiel bekannt vor. Auf jeden Fall hast du dir auch schon mal ein neues Gerät gekauft und musstest feststellen, alles funktioniert anders. Tja, genauso geht es mir immer wieder. Neue Geräte müssen angeschafft werden, die gewohnte Bedienung funktioniert nicht mehr, alles was ich zur Handhabung wusste ist nun nichts mehr wert. Die Freude darüber, da wirst du mir zustimmen, hält sich in Grenzen. 😉

Blindheit ist wie: Wohnen im 11. Stock, es gibt zwar einen Aufzug doch der ist außer Betrieb!

Ist dir das schon mal passiert? Du musst in den 11. Stock des Hauses, doch der Aufzug streikt. Schon ärgerlich, doch was soll´s zum Glück gibt ja ein Treppenhaus. Der Aufstieg ist anstrengend und mühselig, doch machbar. Bei mir geht es jetzt seltener um Treppenhäuser, sondern vielmehr um jedes Vorhaben das ich gerne anpacken möchte. Es bedarf einfach alles mehr Zeit und Anstrengung. Und sei es nur einen simplen Text für meinen Blog zu verfassen. 😉

Blindheit ist manchmal wie: Eine Teilnahme bei Big Brother!

Hattest du schon mal das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden? Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Manchmal spüre ich förmlich wie sich die Augen der Beobachter in meinen Rücken bohren, sich auf meine Hände heften und jede meiner Bewegungen akribisch registrieren. Auf dem Präsentierteller zu sitzen ist kein schönes Gefühl, zumindest nicht für mich. 😉

So, nun will ich es auch wieder gut sein lassen. Hoffentlich habe ich dich mit meinen Ausführungen nicht verschreckt. Doch es ist wie es ist! So fühlt sich Blindheit für mich an. Bei all meinen Erläuterungen ist mir wichtig: Jeder Mensch, ob mit oder ohne Handy-Cap, erlebt oder kennt diese oder ähnliche Situationen.

Mein Fazit für dieses Thema!

Ich denke irgendwie sitzen wir doch alle im gleichem Boot! Es ist nicht entscheidend ob oder mit welchem Handy-Cap wir leben müssen. Wichtig ist doch nur sich ein wenig in den anderen hineinzuversetzen. Nur wenn wir nachvollziehen können mit welchen Problemen unser Gegenüber gerade zu kämpfen hat, fällt es uns leichter miteinander umzugehen!

Ich hoffe ich konnte dir einen guten Einblick in meine Gefühlswelt geben, denn: „Wer einen Einblick hat, der hat auch den Durchblick!“ 😉

2 Kommentare

  1. Hallo David,

    erst einmal möchte ich dir sagen, dass dein Blog echt absolut lesenswert ist. Deine Texte sind toll geschrieben und es ist dir wirklich gelungen einem Sehenden einen tieferen Einblick in das Leben eines Blinden zu geben. Jedenfalls kann ich nun so manches „mit anderen Augen sehen“.
    Vielen Dank, dass du uns Sehenden an deinen Erfahrungen teilhaben lässt!

    Beim Lesen deines Textes zum Thema „Blindheit ist wie…“ ist mir eine eigenes Erlebnis eingefallen, das der Situation eines Blinden wohl nahe kommt:
    Ich musste einmal für die Arbeit wegen eines komplexen Themas bei einer amerikanischen Niederlassung anrufen. Englisch-sprechen ist zwar für mich nicht so problematisch, aber wenn man einen komplexen Sachverhalt eines absoluten Spezialbereichs erklären muss, ist das doch eine ziemliche Herausforderung. Also war ich etwas nervös und hoffte, die Person auf der anderen Seite des Telefons würde mich irgendwie verstehen.
    Ich gab mein Bestes und redete einfach darauf los. Immer wieder stockte ich kurz und lauschte, wartete auf ein Feedback – doch nichts kam. Der Gegenüber sagte einfach nichts. Kein „Hmmm“, kein „Okay“ während meiner Erzählpausen… zurück blieb einfach nur ich, lauschend, und die große Stille. Klar sagte die Person schlussendlich dann doch was. Doch diese Stille während meiner Erzählungen fühlte sich für mich wie eine Art blinder Fleck an. Mir fehlte das Feedback, die Resonanz, einfach ein Hinweis darauf wie mein Gesagtes beim Gegenüber ankam. Man fühlt sich irgendwie, wie wenn man in einem luftleeren Raum hängt.

    Daher kann ich mir auch gut vorstellen, wie es sich für dich anfühlen muss, wenn du jemandem gegenüberstehst, der dich beobachtet aber nichts oder nur kaum etwas zu dir sagt. Das kann zu großer Unsicherheit führen, weil man kein „Material“ für die rationale Einschätzung bekommt. Zurück bleibt nur die Ungewissheit. Wie ein Echo, das nicht zurückkommt. Ich denke, das ist vielen Sehenden nicht klar. Natürlich, sie kennen es ja auch nichts anders.

    Ich hoffe deshalb, dein Blog erreicht noch ganz viele Menschen, damit möglichst viele den „Durchblick“ bekommen. Vielleicht wird dadurch eines Tages auch das Leben der Blinden ein kleines bisschen einfacher.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und dass du täglich vielen Menschen begegnest, die ihr „Sehen“ gerne ein wenig mit dir teilen!

    Liebe Grüße
    Muriel

    • Liebe Muriel,
      vielen Dank für deinen netten Kommentar und dein tolles Lob! Tja, und mit deiner Schilderung triffst du genau ins Schwarze, so fühlt sich das tatsächlich manchmal für mich an. Und damit dies seltener passiert, versuche ich hier meinen Beitrag zu leisten.
      Auf jedenfall würde ich mich freuen dich auch weiterhin auf meiner Seite begrüßen zu dürfen! Herzliche Grüße
      David

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