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Gepostet by on Dez 11, 2016 in Allgemeine Themen | 14 Kommentare

Partner sind auch Betroffene

Partner sind auch Betroffene

Inzwischen konntest du einiges darüber erfahren, was es bedeutet blind zu sein. Doch wie empfinden eigentlich die Angehörigen? Das sind doch auch Betroffene. Aus diesem Grund wollte ich einmal meine Frau zu Wort kommen lassen.

Hallo, ich bin Katrin, die Frau von David. Mittlerweile bist du recht gut informiert wie mein Mann im Alltag mit seiner Blindheit zurechtkommt. Doch bisher ist noch gar nicht zur Sprache gekommen wie ich, seine Partnerin, mit seiner Blindheit klar komme. Ich hoffe ich kann dich mit meinem Beitrag ebenso fesseln wie mein Mann. Das Schreiben gehört nicht zu meinen Stärken. Meine Passion ist das kreative Arbeiten mit Stoffen, Nadel und Faden.

Ich kenne und liebe meinen Mann jetzt schon eine Ewigkeit. Auch vor dem Unfall waren wir einige Jahre zusammen. Sein Unfall war ein harter Schlag für mich. Für uns alle. Anfangs habe ich stundenlang geheult.

Klar, ich hätte auch meine Sachen packen und gehen können, schließlich waren wir noch nicht verheiratet. Allerdings kam dieser Gedanke gar nicht auf. David hatte trotz seiner Erblindung seinen liebenswerten Charakter nicht verloren. Er hat sich nicht verändert. Er ist der Mann geblieben den ich immer liebte. Deshalb habe ich auch weiterhin zu ihm gehalten!

Partnerschaft im Wandel

Nichtsdestotrotz, für mich war das alles schon eine große Umstellung. Viele Dinge gingen auf einmal nicht mehr. Früher übernahm David fast immer die gemeinsamen Autofahrten. Er kümmerte sich um die unliebsame Dinge im Haushalt wie den Abwasch. Putzen oder die Schmutzwäsche, hatten wir vorher abwechselnd erledigt. Plötzlich musste ich mich auch noch um so verhasste Dinge wie den Büro Kram kümmern. Aber irgendwie musste es ja weiter gehen. Auch wenn vieles umständlicher und anstrengender wurde!

Wir mussten beide viel lernen.

Wenn wir spazieren gehen, bin ich für ihn verantwortlich. Meine Augen sehen für ihn. Das ist oft schwerer als du dir jetzt vielleicht vorstellen kannst. Zum Beispiel wenn es regnet. Auf dem Gehweg ist eine Pfütze. Von oben hängen nasse Zweige herab. Und von hinten kommt ein Auto angefahren. Für David ist es nicht nachzuvollziehen warum er jetzt die nassen Zweige ins Gesicht bekommt. Das er dadurch nicht in die Pfütze getreten ist, vom Bordstein gestolpert oder vom Auto gestreift wurde bemerkt er allerdings nicht.

Jedenfalls sind wir heute ein eingespieltes Team. Denn die Abläufe sind für mich mittlerweile Routine. Auch mich hat der Umgang mit einem blinden Menschen geprägt. Hin und wieder ist es schon passiert, dass ich mit einer Bekannten eingehackt unter dem Regenschirm ging und automatisch die vor uns befindlichen Stufen ansagte. Das sorgt dann natürlich immer für spontane Heiterkeit!

Herausforderung Film

Auch das Fernsehen oder der Kinobesuch verläuft bei uns anders. Ich sehe für ihn und erkläre so gut es geht was sich visuell gerade abspielt. Bei rasanten Action-Filmen ist das eine echte Herausforderung. Ich erinnere mich noch lebhaft an unseren Kinobesuch „Titanic“. Da habe ich ihm ins Ohr geschrien: „Das Schiff geht jetzt unter.“ Glücklicherweise gibt es mittlerweile viele Filme mit Audiodiskription. Da muss ich nicht mehr viel erklären.

Reizthema Computer

Das Thema Computer ist auch so eine Sache. Hier gibt es oftmals Probleme, die für Unmut sorgen. Häufig liegt es an den Programmen die David die Arbeit am Computer eigentlich erleichtern sollen. Kommt er damit nicht klar bittet er natürlich mich ihm zu helfen. Sprich ich muss erklären was da auf dem Bildschirm passiert. Wenn ich ihm dann sage: „Klicke mal da hin“, findet er den Button nicht, obwohl dieser für mich offensichtlich ist. Wie erklärt man jemanden, wo ein Button zu finden ist, wenn diese Person nichts sehen kann?

Blinde haben oft Vorurteile. Sie stellen sich Dinge oft leichter vor, als sie letztlich sind. Schließlich bemerken sie ja nicht mit was für Schwierigkeiten wir Partner zu kämpfen haben und was neben dem offensichtlichem noch alles zu beachten ist!

Das Vertrauen zwischen Partner

Was auch eine große Umstellung für mich war und anfangs sehr fehlte: Die kurzen Augenkontakte zwischen uns, besonders während einer Unterhaltungen mit anderen Personen. Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Du kennst dass sicher: Im Gespräch mit einem anderen Paar denkst du: Oje, was erzählen die den für einen Mist! Natürlich wird dies aus Höflichkeit nicht ausgesprochen. Doch du wirfst deinem Partner diesen gewissen Blick zu, er sieht dich an und du weist genau, ihr seid euch einig. Leider fehlt das nun. Inzwischen merke ich mir diese Sachen und wir sprechen dann später, unter „vier Augen“ darüber. Trotzdem, es ist nicht wie früher und ich vermisse diese partnerschaftliche Vertrautheit!

Sicherlich, es gäbe noch viele Dinge zu erzählen. Doch nach all der Zeit sind wir ein gut eingespieltes Team. Ich weiß, wenn David sich ärgert weil etwas nicht so klappt wie er es sich vorstellt, liegt das nicht unbedingt an mir, sondern an der Sache an sich. Und die Tätigkeiten im Haushalt die er gut übernehmen kann macht er ohne zu murren. Auch wenn es ihm mit Sicherheit schwerer fällt als mir.

Fazit: Auch sehende Partner haben Schwierigkeiten im Umgang mit Blinden. Doch mit der Zeit, Verständnis und Liebe ist jedes Problem gut zu bewältigen. Meinen Entschluss, David zu Heiraten habe ich jedenfalls nie bereut. ☺

14 Kommentare

  1. Liebe Katrin,
    ich glaube es Dir schon ein paar mal gesagt zu haben……trotzdem hier nochmal! Ich finde es so unwahrscheinlich schön und es berührt mich immer wieder, dass Du zu David gehalten hast! <3
    Lieber David,
    auch Dein Mut und Deine Kraft hat mich sehr beeindruckt und ich bin stolz, dass Du es so gut meisterst!
    Ihr beide macht das super……ich bin froh, dass es euch gibt! Schöne Weihnachten und ganz herzliche Grüße ….. eure Conny

    • Liebe Conny, vielen Dank für deine netten Worte, auch ich bin sehr froh das es dich gibt“ Liebe Grüße David

  2. In deinen Worten, zwischen deinen Zeilen, spürt man förmlich die Liebe zu Deinem Partner. Und gerade die Situation mit dem „Blick zu werden“ ist mir unter die Haut gegangen. Die Floskel „Wir verstehen uns blind“, kam mir da in den Sinn. Was für eine gigantische Vertrautheit muss da zwischen Euch herrschen ❤. Ich schreibe jetzt seit 5 min …. und lösche das Geschriebene wieder… in meinem Kopf knubbeln sich die Fragen und die Gedanken, was wäre wenn? Der eine Moment, der alles ändert. Und dann? Wie schafft man es als Einzelperson damit klar zu kommen? Und dann noch als Paar? Familie, Freunde, das Umfeld? Oder in einem Streit, oder einer Krise, wenn es so schlimm ist, dass man wirklich alles in Frage stellt? Ich gehe gerne im Blog stöbern, ich bin neugierig auf Eure Geschichte ❤. Danke fürs drüber schreiben! Habt eine schöne Weihnachtszeit, lieben Gruß, Sandra

    • Liebe Sandra, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich hoffe deine Gedanken haben sich wieder entknubbelt, aber du hast natürlich Recht, es ist und war nicht immer leicht. Doch wenn man sich ein wenig Mühe macht schafft man so manches, vor allem zusammen!
      Auch dir schöne Feiertage und alles Gute! David

  3. Das hast du sehr einfühlsam geschildert und ich gratuliere dir zu diesem Artikel…schön, dass ihr beide diese riesengrosse Herausforderung angenommen habt und gemeinsam zu meistern versucht. Ich wünsche eich weiterhin viel Mut und Kraft für den gemeinsamen Weg …✨⭐️✨

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und deine lieben Wünsche, Kraft und Mut kann man wirklich immer gut gebrauchen! Herzlichen Gruß David

  4. Die Verbundenheit spürt man und ich finde es sooo schön.

    Liebe Grüße, Sabine Schuh

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, und deine netten Worte! Lieben Gruß David

  5. Liebe Katrin, ich wusste bisher nicht, daß dein Mann David blind ist. Du hast deine Sicht der Dinge sehr gut beschrieben und das vieles, was für Sehende selbstverständlich ist, für David und auch für euch als Paar eine tägliche Herausforderung ist, kann man nur vage nachvollziehen. Aber so wie du es beschreibst, meistert ihr euren Alltag sehr gut und ich wünsche euch weiterhin viel Kraft und vorallem Liebe füreinander. Ganz herzliche Grüße von Katrin Keil aus dem Odenwald

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und deine netten Worte. Es ist schon so, dass wir gemeinsam viele Schwierigkeiten meistern müssen, doch bis jetzt haben wir das denke ich gut gemeistert. Liebe grüße in den Odenwald,! David

  6. Hallo Zusammen

    Ganz spannend geschrieben.
    Meine Mittagspause verbringe ich mit einer Person, die seit Geburt stark sehebehindert und später total erblindet ist. Auch sie abeitet auf einer Telefonzentrale.
    Wenn es erlaubt ist, werde ich ihr den Link dieser Website senden.
    Jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Geduld und Gelassenheit um mit Ihrem Handicap die Tücken des Alltags zu meistern.
    Frohe Festtage aus der Schweiz.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar, gern können Sie meinen Link weitergeben oder mit anderen teilen. Herzliche Grüße in die Schweitz und auch Ihnen frohe Festtage! David

  7. Danke für diese offenen Zeilen 🙂

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, ich werd mich auch weiterhin bemühen!
      Lieben gruß David

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