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Gepostet by on Feb 1, 2016 in Allgemeine Themen, Wissenswertes | 3 Kommentare

Heute essen wir im Dunkeln

Heute essen wir im Dunkeln

Wo sollen gleich nochmal die Erbsen hin? Dinner in the Dark (Essen im Dunkeln), ist mittlerweile ein fester Bestandteil in einigen „Szene-Lokals“. Für gutes Geld wird ein Abendessen, mit mehreren Gängen und allem Pi-Pa-Po angeboten. Ich halte das für eine tolle Sache. So können Sehende, in einem geschützten Rahmen, ausprobieren wie es ist in Blindheit zu essen. Und das ohne sich vor anderen Gästen zu blamieren.

Nun ja, für mich ist das natürlich nichts Besonderes. Dinner in the Dark, gibt bei mir täglich und auch noch zum Nulltarif! 😉 Mit dem einen Unterschied: Ich stehe unter ständiger Beobachtung und jeder sieht was ich da so alles auf meinem Teller anstelle. Wie ist es denn nun in Blindheit zu essen? Wie bei vielen Dingen gehen wir Blinde im Grunde gern systematisch an die Sache ran: Wir brauchen Struktur und Routine. Ich denke dabei unterscheiden sich Sehende und Blinde gar nicht so sehr voneinander. Schließlich gibt es bei allem eine vorteilhafte Vorgehensweise und Bewährtes setzt sich dann meistens durch. 😉

Was nun die Orientierung am Essenstisch anbelangt, da gibt es eigentlich keine große Besonderheiten zu beachten, einzig die Position des Trinkglases, ob dieses links, rechts oder oberhalb des Tellers platziert ist. Geht es darum einem Blinden zu erklären was sich wo auf dem Teller befindet, ist die Verwendung von Uhrzeiten, ähnlich wie bei dem Film: „Erbsen auf halb Acht“, sinnvoll, denn die Uhr ist Blinden vertraut. Wobei man sich bei der Beschreibung auf die vollen Stunden beschränken sollte. Tja, und wo dann die Erbsen liegen – dass kommt auf die Vorliebe des Blinden an, zumindest wenn es ums Essen zu Hause geht. 😉

Spielt beim Essen die Zeit eine Rolle?

Bei mir schon! Das Fleisch liegt immer auf sechs Uhr, die Beilage auf neun Uhr (links oben) und das Gemüse auf zwei Uhr (rechts oben). Zuhause ist das überhaupt kein Problem, meine Frau richtet mir das Essen schon so hin wie ich es am liebsten habe, da brauch ich gar nicht viel zu sagen. Der Hauptbestandteil des Gerichts wird auf dem Teller immer auf sechs Uhr angerichtet. Und wenn wir Essen gehen, dreht mir meine Frau den Teller so, das zumindest das Fleisch unten liegt, und der Rest wird dann anhand der Uhrzeit erklärt, oder auch nicht. 🙂 So kommt dann ein wenig Spannung auf, und die Geschmacksnerven bleiben auch im Training! 😉

Jetzt ist vielleicht noch die Frage wie finde ich mein Glas, ohne es umzustoßen? Das könnte wirklich peinlich werden. 😉 Falls du das mal selber ausprobieren möchtest, keine Angst, es ist eigentlich gar nicht so schwer. Du musst lediglich die Handfläche, der Hand mit der du tastest, zu dir drehen, so dass deine Finger leicht nachgeben können, wenn sie gegen das Glas stoßen. So lässt sich die Suchbewegung rechtzeitig abbremsen, bevor ein Unglück passiert. Das braucht vielleicht ein wenig Übung, klappt aber meistens ganz gut. 🙂 Ach ja, auf das Anstoßen verzichte ich in der Regel. Wenn doch einmal Zugeprostet wird, dann deute ich das eher an, oder stecke mein Glas in die Mitte und lasse die anderen anstoßen.

So, nun habe ich mich also auf dem Teller zurechtgefunden, geht es auch schon ans eigentliche Essen. Da lauern schon die nächsten Schwierigkeiten. 🙂 Wobei, da kommt es auch viel darauf an was man auf dem Teller hat. Bei Fingerfood, Hähnchenteile, Pommes, Würstchen, oder auch Pizza, die ich mir immer in Stücke schneiden lasse, kann man nicht viel falsch machen. Doch gibt es Ente, Schweinebraten mit Kruste, Fisch mit Gräten, oder Kottelets zum Essen. Hmm… alles sehr lecker, aber leider, für mich etwas schwierig zu essen. Auf diese Speisen verzichte ich ganz, jedenfalls im Restaurant und in vornehmer Gesellschaft.

Wobei? Das eine oder andere Mal, wenn ich beim Essengehen wieder zu experimentierfreudig war, wäre ich fast mit hungrigem Magen nach Hause gegangen. Zum Beispiel an einem schönen Tag im Frühjahr verspürte ich das Verlangen nach einen Spargelsalat. Keine wilde Sache sollte man meinen, doch da hatte ich nicht bedacht, dass der Spargel sehr faserig ist und die Fasern beim Schneiden nicht immer alle durchtrennt werden. Die Folge, als ich mir ganz genüßlich einen abgeschnittenen Happen zum Mund führen wollte, blieb der doch glatt an so einer Faser hängen und plumpste wieder zurück in den Teller, nicht ohne dabei einiges an Soße in die Gegend zu spritzen. Was für ein Spaß für meine Tischgesellschaft, vor allem weil das ständig passierte. 🙂

Oder damals, als ich mit Kollegen mittags beim Spareripps-Essen war, dass war auch so eine grandiose Idee. Die Spareripps waren riesig und richtig dick mit Barbecue-Soße bedeckt. Mit anderen Worten ich sah hinterher aus wie ein „Schwein“, da ich natürlich alles mit den Fingern gegessen hatte! Nur gut, dass es ausreichend viele Servietten im Restaurant gab, so dass man mich wieder halbwegs sauber bekam. 😉 Heute bin ich da ein wenig vorsichtiger und überlege mir vorher genau was ich mir bestelle. Doch was solls, aus Fehlern lernt man und ohne „Risk no Fun“! 😉

Fakt: Bei Fleisch ohne Knochen ist alles gut. Ich taste erst mit der Gabel den Rand ab, steche dann in der Nähe ein und schneide an der Gabel entlang das Fleisch durch. Du kannst dir sicher vorstellen, bei einem Kottelet oder einer Schweinshaxe wird es etwas schwierig und bei Geflügel klappt das überhaupt nicht mehr. So sehr ich Fisch mag, hier habe ich das Problem die Gräten nicht vorher entfernen zu können, müsste diese dann aus dem Mund pulen, was einerseits keinen Spaß macht und auch unappetitlich aussieht.

Was gibt es heute? Eintopf bevorzugt.

Einfach zu Essen sind kleingeschnittene Gerichte wie: Eintöpfe, Geschnetzeltes, Gulasch oder auch Suppen. Die kann man entweder auf die Gabel häufeln oder mit dem Löffel essen. Wobei, auch dies nicht zu unterschätzen ist. Der leckere Happen auf dem Löffel kann auch ganz schnell wieder herunterrutschen. Bedenke den Weg, vom Teller zum Mund. Ein Sehender macht sich darüber natürlich keine Gedanken. Ein Blinder jedoch braucht beim Essen eine besondere Geschicklichkeit. Eine Art Koordination und Gleichgewichtssinn. Ich helfe mir immer ein bisschen damit, dass ich mich mehr zum Teller beuge, dann ist der zu überwindende Weg schon nicht mehr so weit. Wichtig ist vielleicht auch darauf zu achten, dass der Teller nicht zu vollgepackt wird, denn je voller, desto größer die Gefahr das etwas daneben geht! 😉

Klingt doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Dabei bedarf es einiger Übungsessen und viele frustrierende Momente, bis man ein „Dinner in the Dark“ mit Genuss hinbekommt. Wie bei allem: Mit ein wenig Übung und Geduld klappt es schon und eines ist auch klar, verhungert ist noch keiner! 😉

Warst du schon mal bei einem „Dinner in the Dark“? Wie war das für dich? Ich hab mir sagen lassen, dass es durchaus Personen gibt die bei so einer Veranstaltung, statt mit Messer und Gabel zu essen, die Hände zur Hilfe nehmen. Von der technischen Herausforderung mal abgesehen, angeblich fällt es den meisten Teilnehmern schwer überhaupt zu benennen was sie sich gerade in den Mund stecken. Klar, das Auge ist mit… und für diejenigen die es mal ohne „Auge“ probieren möchten, behalte immer eine Serviette in Griffnähe, dann ist alles halb so wild. Guten Appetit!

3 Kommentare

  1. Hallo David, ich habe mit viel Vergnügen Deine Beiträge gelesen. Sehr gut wie Du alle Situationen des täglichen Lebens beschreibst. Man kann viel lernen. Gruß Knut.

    • Hallo Knut, vielen Dank für das tolle Lob, ich bemüh mich und hoffe es kommt auch weiterhin gut an! 🙂

  2. Lieber David, vielen Dank für diese sehr interessanten, lehrreichen „Einblicke“ in Dein Leben! Mein Respekt ist Dir gewiß! Beste Grüße Susi

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