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Gepostet by on Mrz 14, 2016 in Allgemeine Themen, Erste Schritte in Dunkelheit, Wissenswertes | 4 Kommentare

Blindenschrift: Sechs Punkte änderten mein Leben

Blindenschrift: Sechs Punkte änderten mein Leben

Blindenschrift, Punktschrift oder auch Brailleschrift: Das Lesen mit den Fingern! Da ich immer wieder darauf angesprochen werde, möchte ich heute erzählen, wie ich das Lesen mit den Fingern erlernte.

Natürlich beruht das Folgende auf meine persönliche Erfahrung, für einen Geburtsblinden stellt sich dieses Thema bestimmt ein wenig anders dar. Als Späterblindeter und alte „Leseratte“ war der Verlust meines Augenlichts natürlich ein herber Verlust. Doch das Erlernen der Blindenschrift ermöglichte mir den „Neustart“ in ein normales Leben.

Doch bevor ich beginne von meinen Erlebnissen zu berichten, möchte ich ein wenig ausholen und dir von der Blindenschrift im Allgemeinen erzählen. Erfunden hat es der Franzose Louis Braille. Er erblindete im Alter von drei Jahren und mit gerademal 16 Jahren entwickelte er im Jahr 1825 die Blindenschrift. Als Vorlage diente ihm die sogenannte Nachtschrift, wie sie beim Militär verwendet wurde. Doch im Gegensatz zur Nachtschrift, die aus 12 Punkten bestand und viel zu komplex und schwierig zu erlernen war, entwickelte er einen Zeichensatz, der aus lediglich sechs Punkten bestand. Damit konnte er 64 Zeichenkombinationen abbilden, was für das normale Alphabet und die Sonderzeichen leicht ausreichte.

Die sechs Punkte sind angeordnet wie die „Sechs“ bei einem Würfel, den man hochkant stellt. In der linken Spalte drei Punkte und in der rechten Spalte ebenfalls drei. Die Punkte werden beim Schreiben von unten durch das Papier gedrückt sodass diese erhaben und fühlbar sind. Um die Schrift besser lernen, beziehungsweise sich leichter vorstellen zu können, wurden den Punkten Zahlen zugeordnet.

Das Bild zeigt einen Ordner mit Blindschrift-Seiten, darauf liegen sechs Punkte, um die Struktur der Blindenschrift zu zeigen.

Punkt 1, 2, 3, in der linken Spalte (von oben nach unten gesehen), und in der rechten Spalte (von oben nach unten) Punkt 4, 5, 6. Daraus ergeben sich dann zum Beispiel:

Buchstabe A: Punkt 1
Buchstabe B: Punkt 1 + 2
Buchstabe C: Punkt 1 + 4

Das so erzeugte Alphabet mit den Sonderzeichen nennt man dann das Basisbraille!

Zur Verringerung des Platzbedarfs und zur Erhöhung der Lesegeschwindigkeit wurde darüberhinaus noch die sogenannte Voll- und Kurzschrift entwickelt. Bei der Vollschrift werden dann Laute, wie au, ei, ch und so weiter in eine Form gekürzt, also zum Beispiel das ch wird mit den Punkten: 1, 4, 5, 6 dargestellt.

Die Optimierung der Blindenschrift.

Um die Schrift noch schneller lesbar zu machen wurde sie zur Kurzschrift verkürzt: Einzelne Buchstaben, beziehungsweise Zeichen bilden ganze Wörter. Der Papierbedarf konnte dadurch erheblich verringert und die Lesegeschwindigkeit um 2/3 erhöht werden. Ein Sehender liest in etwa doppelt so schnell wie ein geübter Blinder, dennoch gibt es Blinde, in erster Linie Geburtsblinde, die ebenso schnell lesen wie Sehende. Das alles verdanken wir Louis Braille, mit seiner Erfindung – der Blindenschrift, auch Brailleschrift oder Punktschrift genannt – revolutionierte er die Blindenwelt! ☺

Jetzt ergibt sich die Frage: Wozu wird die Blindenschrift im Zeitalter der Hörbücher, der Sprachaus- und Spracheingabe noch gebraucht. In der Tat verliert die Notwendigkeit der Blindenschrift immer mehr an Bedeutung, einfach deshalb weil man sich mit den Sprachausgaben so gut behelfen kann. Für mich hingegen ist Schreiben und Lesen ein wichtiges Kulturgut, welches ich nicht missen möchte und gepflegt werden will. Darüber hinaus ist mir die Blindenschrift auch noch für einige andere Dinge, wie reines Lesen von Büchern, oder Texten nützlich. So wollen auch meine Texte korrigiert, Dinge beschriftet und gekennzeichnet werden. Manchmal geht es aber auch einfach nur darum meine Ohren ein wenig zu entlasten. ☺

Das Erlernen der Blindenschrift.

Da ich in einer Zeit erblindete, in der die Entwicklung der Sprachaus- und Spracheingabe noch in den Anfängen steckte, war das Erlernen der Blindenschrift ein ganz wesentlicher Faktor meiner Grundrehabilitation. Nach meinem Unfall mit 28 Jahren wollte ich natürlich wieder ins Arbeitsleben zurückkehren, deshalb musste ich die Fertigkeiten der Blindenschrift schnellst möglich erlernen. So besuchte ich das Berufsförderungswerk Veitshöchheim bei Würzburg und einer der Schwerpunkte war eben das Erlernen der Punktschrift.

Gemeinsam mit acht weiteren „Leidensgenossen“ aus verschiedenen Bundesgebieten – die meisten blind, andere stark Sehbehindert, einige freiwillig teilnehmend, andere auf Anordnung – startete ich in den Kurs. Mit anderen Worten ein bunter Haufen von Leuten, mit einem gemeinsamen Ziel: Wieder den Alltag bewältigen zu können und die Voraussetzungen für eine Berufsausbildung /-ausübung zu schaffen.

Zu Beginn, hatten wir alle eine gewisse Scheu, vielleicht auch Vorbehalte die Blindenschrift zu erlernen. Es kam uns irgendwie seltsam vor mit den Fingern über ein Blatt Papier zu tasten, um aus erhabenen Punkten Buchstaben, Worte und ganze Sätze zu formulieren. Erhärtet wurde dieser Eindruck, als wir in der ersten Stunde eine vollbeschriebene Textseite vorgelegt bekamen, um eine Vorstellung von der Blindenschrift zu bekommen. Statt Lust auf das Neue, machte sich allerdings nur Frust breit. Das Einzige was uns dazu einfiel: „Das lern ich nie!“ ☺

Ich fühlte nur viele, viele Punkte, konnte außer den schmalen Leerzeilen keinerlei Struktur erfühlen, die irgendwelche Schlüsse zuließen. Glücklicherweise war dieser anfängliche Eindruck trügerisch, denn wie sich in den weiteren Wochen zeigen sollte, lernten wir natürlich alles Schritt für Schritt. Erst einzelne gut voneinander getrennte Buchstaben, dann Worte mit genügend Abstand zueinander, sowie einen doppelten Zeilenabstand, so dass man die Unterschiede einigermaßen gut fühlen konnte. Frustrierend waren dann nur noch die Übungen, die es schwer machten, sich sehr ähnelnde Zeichen zu unterscheiden, oder wenn mir wieder einmal vor lauter Lesen der Finger glühte. Ganz zu schweigen von den Momenten, wo Worte zu entziffern waren, die eine ganze Seitenbreite, und wir sprechen bei der Blindenschrift in der Regel von DIN A4 Seiten einnehmen. Auch die Lesegeschwindigkeit hielt die anfängliche Euphorie in Grenzen. Da stotterte man schon mal über einen Satz hinweg, wie damals, in der 1. Klasse Grundschule. ☺

Natürlich war uns allen klar, dass wir um die Blindenschrift nicht herumkamen. Das Erlernen der Brailleschrift elementar wichtig war, um sich zu informieren oder mit anderen auszutauschen. Mit der Zeit entwickelten wir einen echten Ehrgeiz, übten in der Freizeit und versuchten uns in den Tests gegenseitig zu übertrumpfen. So hatten wir es am Schluss doch noch geschafft die Blindenschrift zu lernen und eine vernünftige Lese- und Schreibgeschwindigkeit zu erreichen. Am Ende waren wir alle sehr stolz etwas geschafft zu haben, von dem wir anfänglich überzeugt waren, dass es nicht machbar sei! ☺

Wie lange braucht es die Punktschrift zu erlernen?

Also, meine Grund Reha dauerte ein Jahr und so lange lernten wir, neben vielen anderen Fächern, auch die Blindenschrift. Es braucht schon seine Zeit bis man das nötige Fingerspitzengefühl hat und die einzelnen Zeichen unterscheiden kann. Dabei ist das System selbst schnell erlernt, das Alphabet an sich auch kein Problem. Anfangs besteht eher die Schwierigkeit des Erfühlens. Wir Männer, vor allem jene mit schwieligen Händen haben da besonders große Probleme. Dann muss man sich etwa 360 Kürzungen merken. Diese bestehen aus einem oder zwei Zeichen, die ähnlich wie beim Steno ein Wort darstellen. Wenn man das dann alles hinbekommt, heißt es üben, üben, üben! Dafür kann man dann schon mal ein Jahr benötigen.

Heute lese ich fast keine Bücher mehr in Blindenschrift, höchstens ganz kurze, denn du musst dir vorstellen, so ein Buch kann im Regal locker den Platz von drei Leitzordnern einnehmen. Doch die Blindenschrift brauche ich für viele Bereiche in meinem Alltag, und sei es nur für kleine Notizen oder etwas zu beschriften. Meine anfängliche Scheu kann ich heute nicht mehr ganz verstehen, heute empfinde ich das Lesen der Blindenschrift als eine sinnliche Handlung, mit einer gewissen Ästhetik. Vor allem aber bin ich stolz darauf etwas nicht Alltägliches zu können, und meine Welt dadurch ein wenig heller werden zu lassen. ☺

Darüber hinaus hatte das Erlernen der Blindenschrift noch andere Vorteile für mich. So ganz nebenbei wurde meine Merkfähigkeit erhöht, schließlich ist das Aufnehmen von Informationen über mehrere Sinne eine ideale Möglichkeit das Gedächtnis zu trainieren. Auch für Notizen, die kein anderer lesen soll ist die Blindenschrift sehr praktisch. Davon mal abgesehen: Meine Frau profitiert auch von meiner erhöhten Sensibilität, zumindest hat sie sich bei mir noch nicht wegen mangelnden Fingerspitzengefühls beklagt! ☺

4 Kommentare

  1. Hallo David,

    ich finde Blindenschrift sehr spannend, mit unseren Geldscheinen haben wir sie ja alle jeden Tag in den Händen. 😉
    Oft ist mir aber aufgefallen, dass sie auf Geldscheinen nur noch schwer zu fühlen ist. Ist es tatsächlich so oder kommt es mir als Sehende nur so vor?

    Liebe Grüße
    Kristin

    • Vielen Dank für deinen Kommentar Kristin, du hast natürlich vollkommen Recht, auf den Geldscheinen kann man meistens die Markierungen nicht mehr fühlen, ich probier es inzwischen gar nicht mehr.
      Ich orientiere mich da eher an der Größe und für den Geldbeutel falte ich mir die Scheine unterschiedlich. Lieben gruß David

  2. Hallo David,
    Ich finde das einfach toll wie du dein Leben trotzdem meisterst!!!

    • Vielen Dank für deinen KommentarAnita und auch für das nette Lob! Ich lass mich natürlich nicht unterkriegen, und zum glück hab ich viele gute Menschen um mich herum, die mich dabei unterstützen. Herzlichen Gruß David

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