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Gepostet by on Jul 13, 2016 in Allgemeine Themen, Zum Schmunzeln | Keine Kommentare

Arbeitsweg mit Hindernissen!

Arbeitsweg mit Hindernissen!

Heute möchte ich dir ein amüsantes Erlebnis aus der Anfangszeit meiner Erblindung erzählen. Eine Geschichte, so kurios wie sie eigentlich nur das Leben selbst schreiben kann. Es handelt sich dabei um den Versuch meinen Arbeitsweg selbstständig zu bewältigen. Ich hab dir ja schon geschildert, wie wichtig, aber auch schwierig Mobilität für mich als Blinder ist. Das betrifft eben auch den Arbeitsweg. Eigentlich keine große Sache sollte man meinen, doch wie so oft, steckt der „Teufel“ im Detail.

An diesem Erlebnis sieht man auch: Man kann trainieren und üben so viel man will, dennoch passieren Dinge, mit denen man zuvor nicht gerechnet hat. Wie heißt es doch so schön: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt! Dieser Spruch ist zwar schon ein wenig abgenutzt, doch in diesem Fall trifft er mehr als zu.

Sicherlich, man sollte immer flexibel und anpassungsfähig sein, doch alle Eventualitäten kann man halt nicht einplanen. Und so verhielt es sich auch damals mit meinem Arbeitsweg, da taten sich auch ungeahnte Hindernisse auf. Ich hätte gern auf diese Abenteuer verzichtet, doch für dich gibt es so wenigstens etwas zum Schmunzeln! 😉

Damals nach meinem Unfall war mein großes Glück, die Weiterbeschäftigung durch meinen Arbeitgeber. Nach der Reha durfte ich in das Arbeitsleben zurückkehren, allerdings an einem neuem Standort und einem Job in der Telefonzentrale des Unternehmens. Damit verbunden war auch ein neuer Arbeitsweg! Natürlich wollte ich nicht ständig auf die Hilfe meiner Frau oder der Kollegen angewiesen sein, was für mich nach einer gewissen Eingewöhnungsphase hieß, den neuen Arbeitsweg zu lernen und zu trainieren. Kurzer gesagt: Mit meinem Lehrer für Mobilität wurden ein paar Termine vereinbart, um die Strecke meines Arbeitsweges  gemeinsam zu begehen und letztendlich alleine zu meistern.

Diese Aufgabe sollte sich als gar nicht so einfach erweisen, gab es doch das eine oder andere Hindernis zu meistern. Der Weg von meiner Haustür zur Bushaltestelle war gut zu bewältigen und auch die Dinge die ich beim Fahren mit dem Bus zu beachten hatte (beim Fahrer einsteigen, ihm meine Ausstiegshaltestelle mitteilen), waren kein Problem.

Von da an wurde es etwas kniffliger! Es galt eine vierspurige Kreuzung zu überqueren, die von einer Verkehrsinsel unterteilt war. Leider konnte ich mich nicht (wie gewohnt) an der Bordsteinkante ausrichten um den Grünstreifen, der ansonsten nicht spürbaren Verkehrsinsel, zu erreichen. Denn dieser Überweg befindet sich in einer Kurve. Die Verkehrsinsel oder besser den angrenzenden Grünstreifen zu treffen ist enorm wichtig, denn die Straße lässt sich nicht in einem Zug überqueren.

Um dies trotzdem zu gewährleisten, zweckentfremdeten wir kurzerhand den Stromkasten der sich hinter der Ampel befand, als Richtungsgeber. Nach dem ich diese Hürde überwunden hatte verlief der restliche Weg zum Arbeitgeber schon humaner, wenn man davon absieht, das noch eine Stelle (ebenfalls in einer Kurve) mit Gleisen zu überwinden war. Das klingt jetzt vielleicht alles ein wenig kompliziert, ist es auch! Doch mit einiger Übung und meinem Lehrer an der Seite habe ich diese Herausforderungen gut gemeistert und fühlte mich sicher genug den Arbeitsweg ab sofort selbstständig zu bewältigen. So viel zur Theorie!

Nun zur Praxis! In der folgenden Woche machte ich mich frohgemut an meine neue Aufgabe den Arbeitsweg ganz alleine (ohne Netz und doppelten Boden) anzugehen. Der Weg zur Bushaltestelle klappte ganz gut. Der Bus kam, ich stieg ein, teilte dem Busfahrer meine Zielhaltestelle mit, setzte mich schräg hinter ihn und atmete zufrieden und erleichtert tief durch. Der Bus schlängelte sich durch die Stadt, die Haltestellen wurden angesagt und ich  wusste stets wo ich mich gerade befand. Was ich nicht bedachte: Zu dieser Zeit waren  Schulferien, somit nicht viel los weshalb der Bus nicht an jeder Haltestelle anhielt.

Da ich dem Busfahrer erklärt hatte wo ich aussteigen musste, suchte ich erst gar nicht den „Halteknopf“ sondern verließ mich ganz auf sein „Aussteigen-Kommando“. Ich hörte wie die  Stimme aus dem Lautsprecher die einzelnen Stationen ansagte und dachte: Jetzt noch drei, noch zwei, noch eine Haltestelle,… gleich würde der Bus anhalten.

Du wirst es vielleicht ahnen, bis ich mich versah hörte ich die „freundliche Stimme“ die nächste Haltestelle ansagen. Mir stellten sich die Nackenhaare auf, konnte das wirklich sein oder hab ich mich verhört? Ist der Busfahrer jetzt tatsächlich an meiner Haltestelle vorbeigefahren? Halb im Schock fragte ich den Fahrer ob das gerade meine Haltestelle gewesen war, ob er mich gar vergessen hätte. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich natürlich nicht sehen, doch ich glaube der Busfahrer hat sich in diesem Moment auch erschrocken. Ihm entfuhr ein entsetzter Laut: „Oh mein Gott, sie hab ich ganz vergessen!“

Jetzt, nachdem mir das ganze Ausmaß meiner Situation bewusst wurde, machte sich in mir ein wenig Panik breit. Mein erster Gedanke: Auweia, das gibts doch nicht, das kann doch nicht sein, der ist doch glatt vorbeigefahren! Was soll ich bloß tun? Für den Rückweg kannte ich weder einen für mich möglichen Überweg auf die gegenüberliegende Straßenseite noch die nächste Bushaltestelle. ☹ Der Busfahrer hatte natürlich ein schlechtes Gewissen, bot mir sofort seine Hilfe an und begleitete mich zur gegenüberliegenden Bushaltestelle. Die erste Gefahr war somit gebannt, ich konnte den Rückweg antreten. Mir fiel ein Stein vom Herzen! ☺

Das Ende der “Odyssee“ meines ersten Alleingangs zur Arbeit war jedoch noch nicht erreicht. Dummerweise kannte ich die kommende Haltestelle nur vom Nachhauseweg, also nur in die entgegengesetzte Richtung. Aber gut, wenn ich einen Weg in die eine Richtung kenne, würde ich diesen auch in die entgegengesetzte laufen können. Denkste!

Bei der Suche nach meinem Ampelüberweg kam mir eine Dame entgegen, bot mir spontan ihre Hilfe an und begleitete mich über die Straße. Als ich mich an der Haltelinie entlangtastete wurde ich ein wenig stutzig, denn die war plötzlich auf der falschen Seite. Langsam dämmerte es mir: Die nette Dame hatte mich über eine angrenzende Seitenstraße geführt, leider führt diese Straße nicht zu meiner Arbeit. Da ich auch hier nicht wusste wie ich am besten und vor allem heil auf die richtige Straßenseite kommen sollte hielt ich kurzer Hand einen vorbeifahrenden Radler an und bat ihn mich zur richtigen Seite zu führen. Das hat dann auch funktioniert. Den Rest des Arbeitswegs konnte ich ohne weitere Schwierigkeiten bewältigen und so kam ich Dank meines großzügig berechneten Zeitpuffers ohne Verspätung in der Arbeit an. Ich gebe zu: Nervlich völlig am Ende, komplett durchgeschwitzt doch körperlich unversehrt und absolut pünktlich. 🙂

Dieses Erlebnis hatte mich ziemlich frustriert. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben, deshalb machte ich mich am nächsten Tag erneut alleine auf den Weg. Diesmal verlief die Busfahrt problemlos, doch als ich mich an die Ampelüberquerung machen wollte, traf mich fast der Schlag. Der Stromkasten, also mein Richtungsgeber und wichtigster Orientierungspunkt war wegen einer Baustelle umzäunt. Vielleicht kommt dir jetzt der gleiche Gedanke wie mir damals in den Sinn: „Sabotage!“ Da hat sich doch jemand gegen mich verschwört oder? 😉 Mir wurde es schon ein wenig mulmig! Sollte ich beim Überqueren der Straße irren und die falsche Richtung einschlagen würde ich wahrscheinlich mitten in die Kreuzung laufen. So ein Arbeitsweg kann für Blinde ganz schön tückisch sein.

Zum Glück fanden sich auch an diesem Morgen hilfsbereite Passanten und ich kam gesund am Arbeitsplatz an. Letztendlich führte dieses Erlebnis zum Abbruch meines Wunsches selbstständig in die Arbeit zu gehen. So nahm ich das freundliche Angebot eines Kollegen dankend an: Lass mich morgens mit dem Auto abholen und am Abend auch wieder sicher nach Hause zurück fahren. Das ist immer sehr angenehm und schont meine Nerven.

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